Es wurde dann doch Plan B. Oder eher Plan B.2. Eigentlich wollten wir in diesem Jahr gar nicht nach Norwegen. Die allgemeine Pandemiesituation an unserem primรคren Reiseziel war aber so unglรผcklich, dass wir beschlossen, in diesem Jahr die Radreise durch ein Land zu wagen, dessen jรคhrliche Hauptreisezeit eigentlich schon vorbei ist: Norwegen.
Und weil wir nicht einfach wieder nach Norwegen wollten, sondern angesichts der Jahreszeit auch Polarlichter sehen wollten, kam diesmal nur der skandinavische hohe Norden in Frage. Da wir nur zwei Wochen Zeit hatten, verbot sich die Anreise zum Nordkap รผber Finnland von alleine, denn es wรคren die 2500 km von Helsinki aus nicht in der kurzen Zeit machbar gewesen. Plan A war also nicht durchfรผhrbar.
Dann Plan B
Plan B begann mit dem Rรผckwรคrtsrechnen vom Nordkap aus: was ist der mit Fahrrรคdern am besten erreichbare Knotenpunkt in der Nรคhe von Europas Nordzipfel? Das Nordkap liegt zwar in erreichbarer Distanz von Tromsรธ, dorthin kommt man aber nur mit Auto (fรผr Nicht-Autobesitzer mit Fahrradtransportmรถglichkeit unmรถglich), mit dem Schiff (dauert zu lange) oder mit dem Flugzeug (nicht ideal, aber die beste Option).
Da diesmal beide Kinder uns angesichts des Reiseziels begleiten wollten, reaktivierten wir unsere Tandems, mit denen wir bereits im Yellowstone und in Dรคnemark unterwegs waren. Sie waren zwar mittlerweile grรถรer geworden (die Kinder, nicht die Tandems), lassen sich aber sehr gut zerlegt transportieren (die Tandems, nicht die Kinder).
Norwegen im Herbst
Nรถrdlich des Polarkreises beginnt der Winter recht frรผh, wรคhrend der Herbst sehr kurz ist. Im Gegensatz zu Nordamerika wird aber Norwegen mit Warmwasser des Golfstroms geheizt und ist daher an den Kรผsten in Meereshรถhe wesentlich milder als Orte in Alaska auf einem vergleichbaren Breitengrad. Und immerhin liegt das Nordkap mit 71ยฐ10โ21โ nรคher am Nordpol als der nรถrdlichste Punkt des amerikanischen Kontinentsโฆ
Das bedeutet aber auch, dass in dieser Gegend die Sonne etwa Mitte November fรผr Monate gar nicht mehr auftaucht, was die Vegetation und Tierwelt vor andere Herausforderungen stellt als im warmen Sรผden: die Blรผhzeit ist kรผrzer und verdichtet auf wenige Wochen im Frรผhsommer, dafรผr ist die Herbstfรคrbung der Blรคtter (vor allem Birken) ab Mitte September umso intensiver. Vor allem bei Tromsรธ fรคhrt man durch ein Meer aus gelben Blรคttern, das im Sonnenuntergang wie Gold leuchtet.
Voraussetzung fรผr dieses Schauspiel der Laubfรคrbung, das in Nordamerika โIndian Summerโ genannt wird, ist allerdings, dass man gutes und klares Wetter hat – was gerade aufgrund der europรคischen โWaschkรผcheโ รผber Island keinesfalls gesichert ist. Dort bilden sich die bekannten Tiefs, die dann mit warmer und feuchter Luft beladen รผber Mitteleuropa ziehen. Fรผr Nordnorwegen kann dies aber bedeuten, dass die Wetterlage wochenlang relativ stabil bleibt: entweder stรผrmisch, grau und nass – oder eben ruhig, trocken und vergleichsweise mild. Wir hatten Glรผck, dass nach wochenlangem Regen bis Mitte September die Sonne sich doch noch mal aufraffte und sich zwar mรผde nur wenig รผber dem Horizont, aber dennoch einsichtig zeigte.

Aufgrund der Temperaturen zwischen 5 und 15 Grad verzichteten wir weitgehend auf die Zelte, obwohl wir sie mitfรผhrten, und nahmen uns lieber die gerne angebotenen Hytta, kleine beheizbare Holzhรผtten auf dem Campingplatz, in denen fast ein wenig Alpenhรผttenatmosphรคre entsteht. Vor allem, wenn vier mรผde Radler nach 100 km รผber unzรคhlige Auf- und Abfahrten entlang der Kรผste und quer รผber Halbinseln abends als erstes einen heiรen Tee in sich hineinschรผtten.
Nordkap
Da es in diesen nรถrdlichen Breiten auรer den Fรคhrverbindungen nur wenige Straรen gibt, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, war unsere Route darauf ausgelegt, zunรคchst per Rad von Tromsรธ zum Nordkap zu radeln, dann zurรผck รผber Skaidรญ nach Hammerfest und dort die Tandems auf die Fรคhre der Hurtigrouten zu stellen und nach Tromsรธ zurรผcktuckern zu lassen. Das wรคre zeitlich auch ganz knapp hingekommen, wenn wir nicht wegen Knieรผberlastung durch Kรคlte aus Plan B einen Plan B.2 hรคtten machen mรผssen. So sind wir ab Skaidรญ nicht Richtung Olderfjord รถstlich abgebogen, sondern direkt nach Hammerfest.
Um trotzdem zum Nordkap zu kommen, haben wir uns den Snelandia-Bussen anvertraut, die beinahe tรคglich von Hammerfest oder Alta mit Zwischenstationen in Honningsvรฅg und Skaidรญ zum Nordkap fahren. Die Fahrt dorthin stellt sich aus dem Busfenster bereits so gespenstisch dar, dass es eigentlich vernรผnftiger ist, auf diesen Abschnitt mit dem Rad zu verzichten: man vermeidet mit dem Bus nรคmlich das Radfahren durch den โNordkapp-Tunnelโ. ((Die meisten Tunnel in Norwegen sind fรผr Nichtmotorisierte gesperrt – aus gutem Grund. Manchmal lรคsst es sich jedoch nicht vermeiden. Beispielsweise darf man als Radler auch den Nordkapp-Tunnel benutzen, was aber ein sehr zweifelhaftes Vergnรผgen ist, denn in einem kilometerlangen halbdunklen und engen Tunnel als langsamer Radfahrer von brรผllenden Lastwagenmotoren verfolgt zu werden, ist etwas, das man nur jemandem wรผnscht, den man abgrundtief hasst – also meistens nicht sich selbst.))
Statt die psychische und kรถrperliche Grenze weit hinter uns zu lassen, genehmigten wir uns die โeingespartenโ Tage in Hammerfest mit Wanderungen รผber die Hรผgel, deren Vegetation sich von Tag zu Tag mehr auf monatelange Schneebedeckung einstellte. Und nachmittags ein Cappuccino statt eiskalter Bรถen ist ja auch viel entspannterโฆ
Fazit
Nordnorwegen um diese Jahreszeit mit dem Fahrrad ist ein anstrengendes Erlebnis, fรผr das man sehr viel Wetterglรผck braucht. Dann aber wird man auch mit dem belohnt, was in dieser Jahreszeit am schรถnsten ist: Polarlichtern.
