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Klamm in Wales

Nein, hier ist mal nicht das Pekuniรคre gemeint, sondern das echt Britische: Wales ist klamm. Also hinsichtlich der Feuchtigkeit. Das andere vielleicht auch, betrifft uns Radreisende aber nicht so sehr.

Regen in GroรŸbritannien kann entgegen der landlรคufigen Ansicht sehr ausdauernd sein, was besonders bei Radreisen mit Zelt und Kocher extrem รคrgerlich und demotivierend ist, denn irgendwann ist alles durchfeuchtet und aus dem Urlaub mit Rรคdern wird ein Survivaltraining. Die Regel Nummer Eins beim Reisen ist daher: Immer genug Puffer einplanen, damit man kurzfristig auf eine einfache Unterbringung im Trockenen oder gar eine รœberbrรผckung der Strecke mit Bahntransport umsteigen kann.

Wir hatten die Strecke nรคmlich zu groรŸ geplant.

Ausgehend von deutschen und europรคischen Radwegen hatten wir nicht mit der Vielzahl der extremen Steigungen in Wales gerechnet und wollten ursprรผnglich die gesamte Sรผdhรคlfte der walischen Halbinsel umfahren. Das hat sich aber nach unserer Abfahrt in Oxford als zu naiv herausgestellt, als wir Wales noch gar nicht erreicht hatten: Nicht nur, dass wir am ersten Tag in den britischen Dauerregen gerieten, der wohl den gesamten April bereits dafรผr gesorgt hatte, dass die unbefestigten Wege Richtung Wales sich in reine Schlammwannen verwandelten – auch der schlechte Zustand der britischen StraรŸen im Hinterland sorgte dafรผr, dass wir unsere Reiseplanung nach bereits einem Tag umwerfen mussten.

In Wales

Wales war bis in die Neuzeit hinein nie ein integraler Bestandteil Britanniens: weder die Rรถmer noch die Normannen kamen รผber Befestigungen vor allem an der Sรผdkรผste hinaus. Nach Osten hin durch die kambrischen Berge geschรผtzt (die dem Erdzeitalter seinen Namen gaben) und nach Westen hin sehr unwegsam jenseits schmaler Buchten, hat sich Wales neben seiner Sprache auch einen gewissen Nationalstolz bewahrt.

Die Brรผcke รผber die Mรผndung des Severn fรผhrt direkt nach Wales.
Interessant ist der eingelassene Verriegelungsbalken, der auf beiden Seiten verriegelt wird. Damit ist es unmรถglich, die Verriegelung von auรŸen zu รถffnen, indem man sie anhebt oder verschiebt. Die Kรผrze des Riegels erhรถht zusรคtzlich das Biegemoment. Dieses Tor hรคlt auch einem Widder stand.

Als wir auch am zweiten Tag in schlechtes Wetter gerieten, beschlossen wir, die Reise so zu verkรผrzen, dass wir auf den europรคischen Radweg EV1 (den Atlantikkรผsten-Radweg) auswichen und nur den Sรผden Wales‘ abdecken wรผrden. Damit entspannte sich die Reise natรผrlich erheblich – ohne dass sie weniger anstrengend wurde. So erreichten wir Wales von Osten kommend bei Chepstow und genossen eine der Spezialitรคten des Landes bei gutem Wetter: Chepstow Castle mit dem รคltesten erhaltenen hรถlzernen Burgtor Europas.

Diese Burg, die an der Stelle einer hรถlzernen Befestigung auf einer Felsnadel oberhalb des Flusses Wye gebaut wurde, war im 12. Jahrhundert ein Meisterwerk an befestigungstechnischer Innovation. Sie einzunehmen war praktisch unmรถglich mit den Belagerungswerkzeugen des Mittelalters, da die einzig angreifbare schmale Seite mit mรคchtigen Mauern und Wehrtรผrmen abgesichert war, mit der auch eine kleine Anzahl Verteidiger einer groรŸen Zahl von Angreifern lange standhalten konnte. Ein Highend-Produkt der mittelalterlichen Kriegstechnik Europas mit zahlreichen Innovationen.

Aber wie so viele Innovationen und Highend-Produkte haben auch Burgen nur eine begrenzte Haltbarkeit: mit der Benutzung von Kanonen und Mรถrsern waren auch die dicksten Mauern nicht mehr sicher. In diesem Punkt unterscheiden sich Burgen nicht von gigantischen Profanbauten der Gegenwart oder des Altertums wie Atomkraftwerke oder Aquรคdukte: die Wirtschaftlichkeit ihrer jeweilligen Nutzung hรคngt stark davon ab, wie lange sie ihren ursprรผnglichen Zweck erfรผllen, ohne dass unvorhersehbare technische Innovationen sie unwirtschaftlich machen. So wie wir Strom nicht mehr erzeugen mรผssen, indem wir mit heiรŸen Uranbrennstรคben erst Wasser kochen, oder Pumpwerke und Leitungen keine kilometerlangen Wasserkanรคle mehr erfordern, so fรผhrte auch die Entwicklung in der Militรคrtechnik und Kriegsfรผhrung die Burgen in eine Nische, die wir heute als Zeugnisse einer „dunklen“ Epoche bestaunen. Dabei waren Burgen alles andere als unzivilisiert und auch keinesfalls fernab praktischer physikalischer GesetzmรครŸigkeiten gebaut worden…

Die Route

Ab Chepstow kamen wir auf den EV1, der in das britische Radwegenetz als „Route 4“ integriert ist und immer entlang der Sรผd- und Westkรผste der Halbinsel fรผhrt, um einerseits Sehenswรผrdigkeiten abzudecken und andererseits abseits der vielbefahrenen StraรŸen der Stressfaktor zu verringern. Diese Wegfรผhrung fรผhrte allerdings zu den frustrierenden Erkenntnissen, dass eine durchgehende Beschilderung noch keine Radinfrastruktur darstellt – und dass GroรŸbritannien ein erhebliches Mobilitรคtsproblem hat: ohne Auto geht vor allem in Wales nichts, gar nichts. Wer keinen eigenen motorisierten Untersatz hat und nicht in einem Verkehrszentrum wie Swansea oder Cardiff wohnt, kommt ohne Nachbarschaftshilfe nicht einmal zum Arzt oder zum Einkaufen. Das stellt fรผr den รคlteren Teil der Bevรถlkerung eine erhebliche EinbuรŸe der Lebensqualitรคt dar, รผber die auch eine wunderschรถne Natur nicht hinwegtrรถsten kann.

Wir vermieden auf dem Weg nach Westen die walisische Hauptstadt Cardiff und fuhren stattdessen nach Caerphilly, um uns ein anderes Highlight mittelalterlicher Burgbaukunst anzusehen: Statt auf einer Felsnase wie Chepstow oder Cilgerran hat man um die Caerphilly Castle einen gigantischen kรผnstlichen See aufgestaut und in der Mitte die zweitgrรถรŸte Burg GroรŸbritanniens nach Windsor Castle errichtet. Ein beeindruckender Bau, der Unsummen verschlungen hatte – und dann trotz mehrfacher Umbauten irgendwann nicht mehr als Burg, sondern nur noch als feuchte und klamme Behausung taugte, bis auch sie ersetzt wurde.

Caerphilly Castle
Carphilly Castle mit der Sicherungsanlage des Wassergrabens

Nachdem es zwei Tage lang viel geregnet hatte, erreichten wir am dritten Tag unseren anvisierten Zeltplatz in der Nรคhe von Swansea mit trockenen Rรคdern. Da die Wiesen aber durch den hรคufigen Regen schon seit Wochen so aufgeweicht waren, dass die Bauern nicht einmal ihre Kรผhe auf die Weide lassen konnten (da sie die Weiden ruiniert hรคtten), stellten wir das Zelt auf einem der weniger feuchten Plรคtzen unter Bรคumen auf. Nach zwei Nรคchten in einer gรผnstigen Travelodge tat es gut, wieder richtig zu zelten…

Und das Wetter blieb uns gewogen, so dass wir am nรคchsten Tag Ferryside erreichten – nicht ohne noch einen Blick auf Kidwelly Castle zu werfen, das allerdings schon geschlossen hatte. Von Ferryside aus planten wir, mit der Fรคhre nach Llansteffan Castle รผberzusetzen. Leider aber war die Fรคhre auรŸer Betrieb, so dass wir den langen Umweg รผber Carmarthen nehmen mussten, der uns gegen Abend nach Tenby an die Kรผste fรผhrte. Tenby ist ein walisisches Touristenzentrum mit sehr schรถnem Strand und vielen Einrichtungen, die dem Volk lautstarke Ablenkung versprechen – wir sahen zu, es so schnell als mรถglich hinter uns zu lassen. Dieser Teil Wales ist mitterweile sehr stark vom Tourismus geprรคgt, da sich – Auto vorausgesetzt – hier gรผnstig wohnen lรคsst und alle walisischen Sehenswรผrdigkeiten und Ortschaften schnell zu erreichen sind.

Pembroke

StraรŸenzug in Pembroke in einem der seltenen Momente ohne Durchgangsverkehr.

Das letzte Highlight der Burgbaukunst erreichten wir dann am nรคchsten Tag in Pembroke und dem passend benannten Pembroke Castle. Auch diese Burg wurde auf einem Felsen als steinerne Befestigung errichtet, wie es die normannischen Besatzer meist taten, um die Herrschaft รผber das Land zu sichern. Die Burgen dienten dabei sowohl als Verwaltungszentren als auch als Rรผckzugsorte des normannischen Adels, wenn sich die einheimische Bevรถlkerung aufzulehnen drohte. Wรคhrend man im flacheren England groรŸe kรผnstliche Hรผgel (Motten) aufschรผtten musste, konnte man sich dies aufgrund der geografischen Besonderheiten in Wales sparen – vor allem, da diese Felsnasen oft bereits von den Rรถmern genutzt wurden oder von den frรผheren einheimischen Landesherren, die es allerdings „nur“ bis zu Erdwรคllen und Holzpalisaden brachten. Die neuen normannischen Herrscher brachten ihre รผberlegene Baukunst aus Frankreich mit und „zementierten“ ihren Fรผhrungsanspuch mit weitaus kostspieligeren und langlebigeren Befestigungen aus Steinen.

Pembroke Castle, mit einer riesigen Hรถhle unterhalb der Burg zur Lagerung von Lebensmitteln mitten im Steilhang und damit fรผr Belagerer unerreichbar.

Ab Pembroke nahmen wir den Brunel Trail nordwรคrts (Teil der Atlankikkรผsten-Route) und kamen recht bald in Broadhaven an, dem Zwischenstopp auf dem Weg zum Grab des Nationalheiligen in St. Davids. In der Zwischenzeit hatten aufgrund der stรคndigen Anstiege und Abfahrten auf schlechten StraรŸe (wo man es nicht einfach rollen lassen kann) die Bremsbelรคge doch arg gelitten. Da mein Rad nur รผber zwei Kettenblรคtter verfรผgt, musste ich an Steigungen รผber ca. 15% schieben – was in diesem Teil von Wales sehr oft der Fall war. Streckenweise kamen wir daher pro Tag nicht unter 1000 Hรถhenmetern davon – was natรผrlich Auswirkungen auf die Tagesetappen und die Dauer hatte, denn das senkt die tรคgliche Durchschnittsgeschwindigkeit auf gut 13 km/h. Und das wiederum hat Auswirkungen auf die Planung der weiteren Etappen.

Bis St. Davids am nรคchsten Tag schafften wir es noch relativ trocken, dann aber setzte der englische Drizzle ein, der ab 17:00 in den ausdauernden Regen รผberging, so dass wir wieder eine feste Behausung aufsuchten. Diesmal allerdings gab es keine einfache touristische Unterkunft, diesmal stand ein Landhaus namens Llwyngwair Manor auf dem Programm: ein klassischer Landsitz, dessen sich grรถรŸte Mรผhe geben, einen Hauch von britischem Luxus auf dem Land zu vermitteln, aber ebenso unter fehlendem Tourismus aufgrund der Wetterabhรคngigkeit leiden wie der gesamte Fremdenverkehr in Wales.

Rรผckfahrt

Obwohl wir laut Ursprungsplanung noch weiter fahren wollten, stellten wir ab Newport auf Rรผckfahrt um, denn die angedachte Vorstellung, zur Not ein paar Etappen mit der Bahn zu รผberbrรผcken, stellte sich als undurchfรผhrbar heraus: in diesem Teil von Wales gibt es keine Bahn. Der nรคchste Anschluss liegt im Sรผden in Carmarthen, also รผber die Hรผgel. Den mussten wir erreichen, um von dort bis Worcester in England zu fahren, damit wir rechtzeitig wieder die Heimreise รผber London antreten konnten.

Diesen Tourabschnitt planten wir daher neu รผber Cardigan und Newcastle Emlyn. ((Die gesamte Reise hatten wir vor Antritt mit Komoot geplant und geplant und mussten unterwegs nur neu justieren.)) Trotz der Umstellung wollten wir nicht auf die Sehenswรผrdigkeiten Cilgerran Castle und vor allem die Grabstรคtte Pentre Ifan verzichten – und irgendwie schloss sich damit auch ein Kreis, denn mit Menhiren in Avesbury hatte die Reise bekommen und mit bronzezeitlichen Grรคbern endete sie auch.

So kamen wir dann ein zweites Mal in Carmarthen an, was die Stadt zwar nicht schรถner machte, uns aber um eine weitere Erfahrung reicher: Bahnfahren in GroรŸbritannien ist erstaunlich unkompliziert und entspannt. Oder, wie es uns ein Einheimischer empfahl: „Kauf Dir eine Karte und stell‘ dich mit dem Rad an die Bahn, als ob sie dir gehรถrt.“


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