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Giro D’Etruria: Toskana und die Emilia Romagna 2025

Eigentlich wollten wir gar nicht nach Italien. Dort ist es ab Ende Mai nรคmlich viel zu heiรŸ und zu trocken zum Radreisen. Eigentlich. Dummerweise war es an unserem eigentlichen Ziel aber zu kalt und zu nass. Also doch Italien.

Wie das bei unseren Reisen so ist, planen wir immer damit, komplett umzuplanen sobald die Umstรคnde es erfordern. Und in diesem Fall erforderten es die Umstรคnde – sprich: die Wetteraussichten – sogar sehr dringend, sich fรผr eine lange Tour mit Zelt, Kocher und Schlafsรคcken etwas anderes auzusuchen als die Schweiz. Und da auch unsere Alternativroute durch das Massif Central nicht wesentlich trockener zu werden versprach, suchten wir ein lohnendes Ziel jenseits des Regenbogens.

Screenshot der Reiseroute durch Italien. Die Tour beginnt in Bologna (A) und endet in Verona (B).
Screenshot der Reiseroute durch Italien. Die Tour beginnt in Bologna (A) und endet in Verona (B).

Diese doch recht drastische Planungsรคnderung hatte jedoch zur Folge, dass wir kleidungstechnisch etwas รผberversorgt waren: Das ursprรผngliche Ziel, die Schweizer Alpen, verlangt aufgrund plรถtzlicher Wetterumschwรผnge doch eine andere Kleidung als eine frรผhsommerlich heiรŸe Toskana…

Das war allerdings schon die grรถรŸte Hรผrde, denn im Gegensatz zu einem analogen Zeitalter lassen sich Routen auf einem der allgegenwรคrtigen digitalen Begleiter noch vorabends am Kรผchentisch schnell anlegen. Hier erweisen sich Komoot und Co. als echter Segen fรผr die Urlaubsgestaltung: Was will ich sehen, wie viel Zeit habe ich und wie komme ich dahin?

Die Poebene ist in ihrer Trostlosigkeit fรผr Radfahrer kaum zu รผberbieten. Daher versuchten wir, den Einstiegspunkt Richtung Toskana mรถglichst weit sรผdlich des Pos zu verschieben, um diese agrartechnisch wertvolle Gegend nicht in ihrer ganzen flachen Breite durchmessen zu mรผssen. Aus dem Norden kommend, fuhren wir mit deutschen Ticjekts bis Mailand und steiegen dort in den Regionalexpress nach Bologna um. Das klappte erstaunlich gut, wenn auch die Fahrradmitnahme in italienischen Zรผgen eher ein Glรผckspiel ist, denn es gibt nur wenige Fahrradstellplรคtze. Dafรผr sind die Passagiere und auch das Personal ziemlich entspannt, wenn es auch ziemlich eng wird im Wagen.

Zum Reisen

StraรŸen in Italien haben einen besonderen Ruf und man ahnt schon nach kurzer Zeit, warum das rรถmische Imperium vor allem aufgrund seiner Infrastruktur viele Jahrhunderte Europa dominiert hatte: Sicher und zรผgig von A nach B zu kommen, war damals weitaus einfacher und entspannender als im Mittel- und Automobilzeitalter. Die StraรŸen sind meist nรคmlich vollkommen kaputtgefahren und oft nur notdรผrftig geflickt. Da die โ€žStrada stataleโ€œ darรผber die Hauptlast des kompletten Personen- und Transportverkehrs รผbernehmen mรผssen, sind sie selbst nach Reparaturen innerhalb kurzer Zeit wieder kaputt. Man sollte sie deshalb unbedingt vermeiden, selbst wenn sie dem Verlauf des rรถmischen StraรŸennetzes folgend die kรผrzesten Verbindungen darstellen.

Nun gibt es seit wenigen Jahren die Bestrebungen, ein europรคisches Radwegenetz zu etablieren, bei dem Radfahrende รคhnlich den rรถmischen FernstraรŸen quer durch den Kontinent geleitet werden sollen, ohne um ihr Leben fรผrchten zu mรผssen. Dieses hehre Unterfangen stรถรŸt allerdings in Italien bislang an Grenzen: zwar verweist das Netz auf verkehrsรคrmere NebenstraรŸen, diese sind aber oft mit einem extrem schlechten StraรŸenbelag und unnรถtigen Steigungen versehen. Das brachte uns dazu, dann doch wieder tageszeitabhรคngig auf die StaatsstraรŸen auszuweichen – noch dazu, da sie sowieso als LรผckenbรผรŸer im Radwegenetz herhalten mรผssen. Glรผcklicherweise sind italienische Autofahrer vergleichsweise rรผcksichtsvoll.

Eine weitere Eigenschaft des Radreisens in Italien ist der Umstand, dass auรŸerhalb der touristischen Zentren wie Siena, Pisa oder Ravenna Italien noch ziemlich italienisch ist. Selbst in Lucca oder San Gimignano, die noch nicht (oder nicht mehr) „hip“ sind, verlaufen sich die Touristen im StraรŸengewirr und man sitzt sehr schnell im Cafรฉ zwischen Einheimischen. Allerdings ist die touristische Ausdรผnnung auch an der Zahl der Unterkรผnfte – sprich: Campingplรคtze – erkennbar. Da wir in der letzten Woche vor Beginn der Hauptsaison unterwegs waren, hatten wir รถfter den Campingplatz vรถllig fรผr uns alleine. Ein Segen, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass volle Campingplรคtze am Wochenende in Italien einer Partymeile gleichen.

Zur Route

Von Bologna aus ging es ziemlich genau nach Sรผden, nicht nur der Sonne, sondern auch der Hitze entgegen. Ab Ende Mai wird es in der Poebene sehr schnell unertrรคglich heiรŸ, wenn zu den steigenden Temperaturen noch die hohe Luftfeuchtigkeit dazu kommt. Selbst der Fahrtwind kรผhlt dann kaum noch, so dass wir uns tatsรคchlich darauf freuten, dass es den Reno aufwรคrts mit einer moderaten Steigung in die Berge ging – und damit an weitgehend intakten Bergwรคldern mit wenige Autoverkehr vorbei zum Lago di Suviana, einem Stausee des Reno, der auch von den Stรคdtern aus Bologna fรผr sommerliche Ausflรผge genutzt wird.

Neben dem vorsaisonal leeren Campingplatz hatte die Location den Vorteil, dass wir am Poggio dei Ronchi den Pass erreichten und dann zu einer der langgezogenen Abfahrten ansetzen konnten, die uns diesmal fast bis Pistoia hineinfรผhrte. Und leider auch wieder in die Hitze der Toskanaโ€ฆ

Sowohl die Schรถnheit der Altstadt von Pistoia als auch die Qualitรคt des Espresso hielten sich in Grenzen, auch wenn die Stadt in der Renaissance zu den wichtigsten Stรคdten der Toskana zรคhlte. Die internen Fehden allerdings schwรคchten die wirtschaftliche und militรคrische Macht so, dass Pistoia sich unter die Fittiche des mรคchtigen Nachbarn Florenz flรผchtete.

Lucca

Unser erstes Ziel war Lucca, dass wir am Abend erreichten, verschwitzt und mรผde. Im Gegensatz zu Pistoia ist Lucca eine noch sehr lebendige Stadt, in deren mittelalterlichen Gassen nicht nur Touristen, sondern auch zahlreiche Einheimische flanierten. Da wir in Lucca keinen Campingplatz gefunden hatten, versuchten wir online eine einfache Unterkunft zu finden und hatten das unverschรคmte Glรผck, sie mitten in der Altstadt auch zu finden und konnten den lauen Abend bei einer Pizza genieรŸenโ€ฆ

Eine der authentischen StraรŸen in der Altstadt von Lucca

Der nรคchste Tag fรผhrte uns von Lucca รผber Pisa ins Nirgendwo bei Soiana. Um es kurz zu machen: Pisa muss man nur einmal sehen. Und ich war vor 40 Jahren schon mal da: Der bekannte Turm ist schief wie eh und je, der Dom hat sich nicht verรคndert und gerade die Gegend um den Dom ist wie immer vรถllig รผberlaufen von Touristen, die ihre Selfies vor dem schiefen Turm schieรŸen, indem sie die Kamera schrรคg halten, um den Turm senkrecht wirken zu lassen. Dass die Stadt von diesem architektonischen Fehlgriff lebt, den sie im 12. Jahrhundert in vรถlliger Verkennung des weichen Untergrunds beging, sei ihr gegรถnnt – wir schwangen uns recht bald wieder auf die Rรคder in Richtung Siena.

Da wir wussten, dass Siena an diesem Tag unerreichbar sein wรผrde, hatten wir dank Komoot einen Campingplatz arnoaufwรคrts hinter Ponsacco ausgewรคhlt. Leider fรผhrte der Weg dahin abseits des Eurovelo 7 รผber die stark befahrene Via del Commercio, die ihrem Namen alle Ehre machte. Der Campingplatz allerdings war ein alternatives Kleinod in den Hรผgeln und am Ende nur รผber Feldwege erreichbar. Dafรผr war er nicht mit Campern, sondern mit den grรถรŸten gefiederten Krachmachern und Sรคngern Italiens bevรถlkert: Nachtigallen. Diese Vรถgel beherrschen so viele unterschiedliche Gesangs- und Gerรคuschvariationen von Zwitschern, รผber Krรคchzen und Trillen bis hin zum Flรถten, dass man sich wie in einer Voliรจre fรผhlt – dabei ist es immer der gleiche Vogel, der stundenlang sein Repertoire zum Besten gibt.

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht (Nachtigalle tragen ihren Namen nicht zu Unrecht und kรถnnen einem die Nachtruhe vergรคllen) mussten wir am nรคchsten Morgen die Rรคder allerdings quer durch das toskanische Hinterland bis zur nรคchsten StraรŸe schieben – Komoot zeigte einen Radweg an, wo bestenfalls ein Trampelpfad existierte – und erreichten Siena nach einem Zwischenhalt in San Gimignano.

Der Marktplatz mit den Geschlechtertรผrmen in San Gimignano

Auch San Gimignano lebt von Tรผrmen, die es touristisch ausschlachtet: die Geschlechtertรผrme dienten den wohlhabenden Familien in der Renaissance als Burgen innerhalb der Stadtmauern. Sie waren ebenso unbequem wie feucht, boten aber Schutz vor Raub und den Kleinkriegen zwischen den Familien. Die Renaissance in Oberitalien und der Toskana muss man sich vermutlich wie den feuchten Traum des Libertarismus vorstellen: Es gab keinen Staat, keine gemeinsame Ordnung, es regierte immer der Clan, der das meiste Geld und den meisten Einfluss auf den Papst hatte – und der sich eine ausreichend groรŸe Privatarmee leisten konnte, um die Konkurrenz klein zu halten. Ob Heirat, Erpressung, Krieg oder Meuchelmord war dabei egal, denn den Zutritt zum Himmelreich konnte man sich durch eine ordentliche Spende oder Kirchenstiftung vor dem eigenen Ableben erkaufen.

Allerdings bedeutete dies vor allem fรผr die Kunst einen ungeahnten Booster: Jeder halbwegs Wohlhabende wollte seinen Wohlstand und Erfolg auch zeigen, seine Macht demonstrieren und beauftragte fรผr die Ausgestaltung seiner Anwesen Heerscharen von Malern, Bildhauern und Stukkateuren, die nicht mehr an sakrale Motive gebunden waren, sondern zunehmend weltliche Einflรผsse aufnahmen.

Siena

Der Marktplatz von Siena
Der Marktplatz von Siena

Siena ist der Inbegriff der toskanischen Renaissancestadt. Zwar wird es seit Jahrhunderten von Florenz und seinen protzigen Bauten architektonisch รผberstrahlt, aber authentischer ist fรผr mich immer Siena (abgesehen davon hatte Florenz keine eigene Farbe im Aquarellkasten meiner Kindheit). Beeindruckend neben dem fรผr die damaligen Verhรคltnisse riesigen Marktplatz, der den ganzen Stolz der mittelalterlichen Kaufmannsgilde reprรคsentiert (und dem Dom, der unvollendet blieb) sind vor allem die engen und verwinkelten Gassen die sich parallel zum Hรถhenzug schlรคngeln, auf den die Stadt gebaut wurde. Um die Altstadt zu genieรŸen, sollte man an einem Sonntagmorgen das Fahrrad durch die Gassen schieben, um dann auf dem Markplatz einen Espressor zu trinken, bevor die Touristen einfallen.

Arezzo

Auch wenn sich in der Toskana ein touristischer Augenschmaus mit klingendem Namen an den nรคchsten reiht – die Stรคdte der Renaissance waren sich mitunter spinnefeind, immer darauf bedacht, ihren Wohlstand auf Kosten der Bauern und der umliegenden Stรคdte zu mehren. Bis sie dann wieder von einer noch mรคchtigeren (und vor allem reicheren Stadt zu Tributzahlungen gezwungen wurden, denn nur mit Geld konnte man sich die Sรถldner leisten, die zur Eintreibung von Abgaben dienten). Die Toskana war ein Haifischbecken, in der nur die ruchlosesten und grรถรŸten รผberlebten. Und unser Bild von einer Markwirtschaft mitprรคgten.

Marktstรคnde in Arezzo. Hier shoppen vor allem Einheimische.

Auch Arezzo im nรคchsten Tal ist da kaum anders. Ursprรผnglich eine mรคchtige etruskische Stadt wurde es frรผh von den Rรถmern ausgebaut und Teil des rรถmischen Fernwegenetzes. Leider (oder glรผcklicherweise, je nach Standpunkt) stand Arezzo lange auf der „falschen“ Seite der Geschichte, nรคmlich der Seite der Waiblinger oder „Ghibellinen“, die den deutschen Kaiser unterstรผtzten – und nicht den Papst, der von den Welfen („Guelfen“) unterstรผtzt wurde. Daher wurde Arezzo mehrmals geplรผndert und verfiel im Mittelalter. Glรผcklich ist dieser Umstand, weil sich die Stadt dadurch sehr viel des mittelalterlichen Stadtbilds erhalten hat und es nicht fรผr den Tourismus „aufpimpen“ muss.

รœber den Apennin zurรผck

Hinter Arezzo ging es nordostwรคrts zum Highlight der Reise – Richtung Ravenna, also aus der Toskana heraus hinรผber zur Adria. Dazwischen allerdings liegt wieder der Apennin. Und der hat es in sich, das wussten wir seit dem Beginn der Reise. Diesmal allerdings waren die Anstiege noch lรคnger und steiler, denn es ging auf รผber 1100 Meter durch den Nationalpark Foreste Casentinesi mit seinen riesigen Wรคldern. Da wir dies nicht an einem Tag รผber die Berge schafften, beschlossen wir kurz unterhalb des Gipfels, uns eine Hotelรผbernachtung in Badia Pratagla zu gรถnnen, denn es gibt in dieser Gegend zwar Wรถlfe, aber keine Campingplรคtze. 1

Dafรผr aber gibt es eine der schรถnsten Bergabfahrten in die Emilia-Romagna, die man sich vorstellen kann: entlang malerischer Abhรคnge 11 km abwรคrts in engen und weiten Kurven auf einer hervorragend gepflgten StraรŸe bis hinunter bis Romitorio. Danach rollt man am Bagno die Romana vorbeit (nicht lohnenswert) sehr gemรคchlich mehr oder weniger Parallel zur Strada Statale 3 รผber Cesena in die Sรผmpfe.

Eigentlich sind es ehemalige Sรผmpfe, denn ihren agrarischer Nutzen hatten bereits die Rรถmer erkannt und die Gegend weitrรคumig trockengelegt, indem schachbrettartig etwa hektargroรŸe Quadrate vermaรŸen und durch Drainagegrรคben trennten. Diese Grรคben gibt es noch heute und sie haben den gleichen Nutzen. Allerdings droht ihnen jetzt nicht die Austrocknung, sondern die Versalzung, da der SรผรŸwassernachschub aus dem Apennin und der sรผdlichen Arme des Po ausbleibt und stattdessen das Meerwasser der Adria eindringt…

Ravenna

Ravenna ist einer der geschichtlich wichtigsten Angelpunkte zwischen Rรถmern, Langobarden, Kelten, Griechen, Byzantinern, Markomannen und Goten. Die Stadt – ursprรผnglich wie Venedig eine Lagunenstadt und daher militรคrisch leicht zu verteidigen – war zeitweilig die Hauptstadt des westrรถmischen Reichs und damit mitentscheidend fรผr die Christianisierung Europas im frรผhen Mittelalter.

Aus dieser Zeit stammen auch die Bauten der Stadt, die einen unverkennbar byzantinischen Stil besitzen, der durch seine Mosaike und seine รคuรŸerliche Unscheinbarkeit in einem gewissen Gegensatz zu den monumentalen Bauten Roms steht.

Mosaike der Basilika San Vitale (6. Jahrhundert)

Ravenna ist einen eigenen Tag wert, den wir uns gรถnnten, indem wir kurz auรŸerhalb Ravennas das Zelt aufschlugen und damit einen Nachmittag und einen Vormittag die Sehenswรผrdigkeiten der Stadt besichtigten. Am Nachmittag ging es dann in die Poebene Richtung Ferrara mit dem Ziel Verona.

Zwar ist die Strecke auf der Karte nicht besonders pittoresk, so dass wir beschlossen, diesmal mรถglichst Kilometer zu „fressen“, um Verona am frรผhen Nachmittag des รผbernรคchsten Tags zu erreichen – in der Hoffnung auf einen Zug am gleichen Tag nach Hause. Allerdings fรผhrt die Route nach Verona am Parco Regional Delta del Po vorbei, das fรผr Vogelliebhaber eine ganz besondere Spezialitรคt bereithรคlt: Wasservรถgel aller Art, die in den Altarmen, Sumpfinseln und Schilfinseln hervorragende Lebensbedingungen fรผr sich und den Nachwuchs finden. Hier ahnt man, wie artenreich diese Gegend vor der intensiven agrarischen Nutzung gewesen sein muss – und wie wichtig der Schutz und die Ausweitung dieser Refugien auch fรผr das menschliche รœberleben ist.

Valli di Argenta im Biosphรคrenreservat der UNESCO

  1. Empfehlenswert sind im Hotel di Foreste vor allem die Spinatgnocchi mit NuรŸsauce… โ†ฉ๏ธŽ