KI beschäftigt jeden auf eine andere Weise: manche fürchten um Jobs, andere um Lebensqualität, die dritte Gruppe sieht es als Bereicherung und manche gar als eine Befreiung von den intellektuellen Begrenztheiten der Menschheit.
Gleichzeitig entwickeln sich die dahinter stehenden Algorithmen mit rasender Geschwindigkeit weiter und es ist vor allem in den USA eine Art Techno-Bonanza entstanden, die stark an den Goldrausch des vorletzten Jahrhunderts erinnert. Oder an die Kohlefunde im Gebiet zwischen Ruhr und Emscher im Rheinland, durch die die Industrialisierung des extrem rückständigen Deutschlands zu einer der größten Weltwirtschaften des Planeten befeuert wurde (pun intended).
Nun stehen wir zumindest vermeintlich vor einer neuen Revolution: „Künstliche Intelligenz“ soll das bewirken, was fossile Energieträger in den westlichen Gesellschaften ausgelöst hatten. Unermessliche Reichtümer, weniger Leid – vielleicht sogar ewiges Leben -, weniger Maloche, selbstbestimmteres Leben, Lebensqualität in Hülle und Fülle. Ob Gesundheit oder Kommunikation, Ernährung oder Konsum, Arbeit oder Mobilität – überall verspricht KI die Gesellschaften und ihre Mitglieder aus den Niederungen des täglichen Broterwerbs und biederen Alltags hinein in neue Lebenswelten zu führen, die uns als bessere, gesündere und wohlhabendere Menschen auf der Sonnenseite des Lebens den ewigen Frieden erleben lässt.
OK, das war jetzt ein bisschen Polemik.
Aber nur ein bisschen, denn wer die Entwicklungen in der tonangebenden Wirtschaftsmacht beobachtet, kommt nicht umhin zu bemerken, dass dies in etwa die Tonspur ist, auf der die Apologeten ihre Mission unters Volk bringen. Und zwar mit nicht geringem Erfolg, denn die meisten Unternehmen der USA erwägen mittlerweile, einen Teil ihrer Prozesse durch KI unterstützen oder gar gleich erledigen zu lassen.

Damit ist die „KI-Wirtschaft“ die derzeit am stärksten wachsende Branche – auch wenn das Geld zunächst nur in die Erzeugung von Kraftwerken und Datenzentren gesteckt wird, um den schier unglaublichen Energiehunger der Myriaden von Computern zu stillen, die verschachtelte Rechenoperationen ausführen.
Damit können dann Unmengen an Bildmaterial in kürzester Zeit ausgewertet werden, beispielsweise um Krankheiten rechtzeitig erkennen zu können, damit werden Bilder generiert wie das obige Bannerbild – oder es werden Personendaten ausgewertet, gegen die der Film „Minority Report“ wie Kasperletheater aussieht. Man kann damit natürlich auch E-Mails schreiben oder ganze Seminararbeiten, Wahlen beeinflussen und die öffentliche Meinung manipulieren. Kurz: Hatten wir bis vor wenigen Jahren noch das Problem, wohin mit all dem Wissen der Menschheit und wie man es sichten, strukturieren und auswerten soll – jetzt macht das die KI.
Problem gelöst? Not so fast…
Künstliche Intelligenz ist so etwas wie die Befreiungstechnik aus dem Würgegriff der Selbstverblödung.
Ich habe viele Jahre Karate im Hochschulsport unterrichtet. Eine der ersten Fragen in allen Kursen war die Frage nach der Selbstverteidigung: „Was muss man tun, wenn… <beliebigen körperlichen Angriff hier einsetzen>?“ Die Erwartung war jedes Mal, dass ich irgendwelche Tricks und Kniffe („Techniken“) beherrsche, die einen Angreifer entweder davon abhalten oder es ihm so verleiden, dass er es nicht noch einmal versucht. – Und jedes Mal musste ich diese Erwartung enttäuschen, denn Jedis gibt es nur im Kino und im Kopf.
Gerade die Tatsache aber, dass auch in diesem Fall ein für die allermeisten (glücklicherweise) lediglich hypothetisches – also im Kopf stattfindendes Problem – mit realen und physischen Maßnahmen gelöst werden soll, weist den Weg auf die Antwort zur Frage im Titel: Welches Problem wollen wir mit KI eigentlich lösen? Ist es sinnvoll und lösungsorientiert, KI in der Bildung oder in der Kommunikation einzusetzen, also in Bereichen, die zu den menschlichsten aller Fähigkeiten gehört?
Ich habe den Trainierenden manchmal geantwortet, dass es auf ihre Frage keine und gleichzeitig unendlich viele Antworten gibt. Aber alle hängen sie davon ab, wie gut sie als Individuen sich selbst kennen und einschätzen können – und wie gut sie die Situation, den Kontext überblicken: Kampfkunst (nicht Kampfsport) ist die Kontrolle über sich selbst und den Raum zu jeder Zeit. Das muss und kann man üben.
Dieses Üben aber – der Erwerb einer Fertigkeit – ist analog. Es ist mit Versuch und Irrtum behaftet, mit Erfolg und Scheitern, mit kontinuierlicher Arbeit. Es ist das reale Leben, bei dem keine KI helfen kann, denn sie suggeriert einen beständigen Erfolg durch Dauerbestätigung im Virtuellen. Um mit KI umzugehen – und das werden auf kurz oder lang wir alle können müssen – muss man sich den Mühen des realen Lebens aussetzen, den Unzulänglichkeiten und Fehlern, den Ansprüchen und Irrtümern.1
Wir müssen unsere „analoge“ Intelligenz benutzen, um mit Hilfe der künstlichen Intelligenz Probleme zu lösen, nicht umgekehrt. Wir können das.
- Das lernt man normalerweise in der Schule und in anderen Bildungseinrichtungen. Das ist das, was der Humanismus ursprünglich wollte. ↩︎